Die Politikzeit

Einwände und Antworten

Wie wir einleitend darstellen, soll dies ein Diskussionspapier sein. Daher möchten wir nachvollziehbare Einwände in ihrer jeweils stärksten Form aufgreifen und darauf eine mögliche Antwort samt verbleibendem Restrisiko geben. 

Verweise auf Grundsätze und Abschnitte beziehen sich auf das Diskussionspapier. Ein Einwand fehlt? Dann ist das Formular am Ende der Seite der richtige Weg.

E1

Mitnahmeeffekte

„Ihr schafft eine bezahlte Auszeit, die sich jeder holen kann, der ein bisschen Politik behauptet.“

Jeder Anspruch ist an einen fremdbestimmten Auslöser gebunden, die amtliche Aufstellung oder das errungene Mandat (Grundsatz 2), und ersetzt nur zwei Drittel des ausfallenden Nettoeinkommens (Grundsatz 4). Eine Auszeit auf Behauptung gibt es nicht, und wer Erwerbseinkommen hat, stellt sich durch Politikzeit nicht besser. Beim Sockel für Menschen ohne Erwerbseinkommen wirkt dieser Verzicht nicht; dort begrenzen allein der fremdbestimmte Auslöser und die geringe Höhe den Anreiz.

Verbleibendes Risiko: Kandidaturen auf aussichtslosen Listenplätzen, um die Kandidaturfreistellung zu erhalten, begrenzt durch die Regel „einmal je Wahl“, die Dauer von drei Monaten und den Einkommensverzicht; nicht vollständig auszuschließen, aber klein. Bei Selbständigen setzt das Politikzeitgeld im kommunalen Mandat an einer eigenen Erklärung über die verringerte Tätigkeit an; das ist die Stelle mit dem größten Mitnahmerisiko, begrenzt durch die Bemessung nach Steuerbescheid und den Höchstumfang.

E2

Der Amateur-Einwand

„Politik ist ein Beruf. Komplexe Gesetzgebung, Verfahren, Verhandlungsmacht: Wer für vier Jahre hineinschnuppert, wird von Ministerialbürokratie und Interessenverbänden an die Wand gespielt. Ihr schwächt die Parlamente.“

Der stärkste Einwand, und er ist ernst zu nehmen. Vier Antworten. Erstens ist das Zielbild Mischung, nicht Austausch: Niemand will ein Parlament ohne erfahrene Berufspolitikerinnen und Berufspolitiker; die Politikzeit erweitert den Kreis derer, die antreten können, sie ersetzt niemanden. Zweitens ist Berufserfahrung selbst Expertise: Wer aus der Intensivpflege in eine Gesundheitsdebatte kommt, bringt Wissen mit, das keine Parteikarriere ersetzt. Drittens ist Fluktuation ohnehin Realität: 230 der 630 Abgeordneten des 21. Bundestags waren neu, mehr als ein Drittel. Der Unterschied wäre, wer neu kommt. Viertens lassen sich Einarbeitung und Mentoring institutionalisieren.

Zugeständnis: Für Spitzenämter und Verhandlungsführung gilt der Einwand. Die Politikzeit zielt auf die Breite der Mandate, nicht auf das Kanzleramt.

E3

Verantwortlichkeit

„Wer nicht wiedergewählt werden will, muss sich vor niemandem verantworten.“

Erstens bleibt die Rechenschaft in der Gegenwart vollständig bestehen: Fraktion, Öffentlichkeit, Recht. Zweitens entsteht eine eigene, womöglich unmittelbarere Form von Verantwortung: Wer zurückkehrt, lebt mit den Folgen der eigenen Entscheidungen, im eigenen Betrieb, in der eigenen Stadt, unter Nachbarn. Drittens ist die Entkopplung von der Wiederwahl kein Defekt, sondern der Hebel: Sie macht Entscheidungen möglich, die unbequem sind oder deren Nutzen sich erst nach Jahren zeigt.

Verbleibendes Risiko: nachlassende Verantwortung in den letzten Mandatsjahren, real, aber bei Berufspolitikerinnen und Berufspolitikern in ihrer letzten Wahlperiode nicht anders.

E4

Die Belastung kleiner Betriebe

„Schön für Konzerne und den öffentlichen Dienst. Der Handwerksbetrieb mit fünf Leuten verliert seinen Gesellen an den Stadtrat.“

Der Betrieb zahlt nichts und rechnet nichts ab; die Teilfreistellung ist für ihn eine angekündigte, befristete Teilzeit. Kleine Betriebe erhalten eine Vertretungspauschale ohne Nachweis und können sich im Härtefall auf Aufschub oder Halbierung berufen (Abschnitt 4).

Verbleibendes Risiko: Die Personallücke bleibt, wie bei Elternzeit, Krankheit und Pflegezeit. Ein Rest Zumutung bleibt und ist offen als Preis zu benennen.

E5

Selektionseffekte bleiben

„Auch mit Geld gehen am Ende doch wieder Akademiker. Ihr ändert die Zusammensetzung nicht, ihr subventioniert sie.“

Teils berechtigt. Absicherung ist eine notwendige, keine hinreichende Bedingung; wer nie gefragt wurde, kandidiert auch abgesichert nicht. Deshalb gehören aktive Ansprache und ein Erfolgsmaßstab, der auf die Zusammensetzung schaut, zum Konzept (Abschnitt 5), und deshalb setzt es mit Sockel, Betreuungskosten und Rentenaufbau bewusst dort an, wo Erwerbsmodelle nicht greifen (Abschnitt 3.6).

Verbleibendes Risiko: Dies bleibt die größte empirische Unsicherheit des gesamten Konzepts.

E6

Extremisten profitieren mit

„Das Sicherungsseil gilt auch für Radikale.“

Ja. Die Ansprüche sind parteineutral, wie Diäten und Wahlkampfkostenerstattung (Grundsatz 3). Der Schutz der Demokratie liegt im Parteien- und Wahlrecht; jede andere Konstruktion wäre verfassungswidrig und würde die Erzählung von der Ausgrenzung bestätigen.

Verbleibendes Risiko: einzelne unangenehme Symbolfälle. Sie sind sicher zu erwarten und müssen ausgehalten werden.

E7

Der Gerechtigkeitsvergleich

„Für pflegende Angehörige gibt es einen Bruchteil dessen. Warum bezahlt der Steuerzahler Auszeiten für Politik?“

Die Politikzeit ist klein (Abschnitt 9), zahlt an keiner Stelle mehr als das Elterngeld (Grundsatz 4) und finanziert keine Auszeit, sondern eine Funktion, von der alle abhängen: dass sich genug geeignete Menschen für die Selbstregierung finden. Demokratie ist Infrastruktur.

Zugeständnis: Es ist eine Priorisierungsentscheidung, und sie muss offen als solche vertreten werden. Der Hinweis auf die Lücken bei der Pflegezeit ist berechtigt; er ist nur kein Argument gegen dieses Instrument, sondern eines für jenes.

E8

Die Rückkehr-Illusion

„Rückkehrrecht auf dem Papier, Karriereknick in der Realität, wie bei der Elternzeit.“

Berechtigt; ein Anspruch sichert den Arbeitsplatz, nicht die Laufbahn. Das Konzept antwortet mit einem geregelten Rückführungsanspruch statt bloßem Kündigungsschutz, mit Einarbeitung und Weiterbildung beim Wiedereinstieg und mit der Anrechnung der Mandatszeit (Abschnitt 3.3).

Offen gesagt: Die Hoffnung auf Normalisierung, wie bei der Elternzeit, deren Karrierefolgen sinken, je üblicher sie wird, ist genau das: eine Hoffnung, kein Versprechen.

E9

Neue Leute in alten Strukturen

„Das Problem sind nicht die Personen, sondern die Routinen. Neue Leute in alte Strukturen, die werden assimiliert oder zerrieben.“

Der Einwand wendet die Begründung der Politikzeit gegen sie selbst und ist deshalb der wichtigste. Die Antwort: Die Politikzeit ist kein Programm zum Personalaustausch, sondern zur Veränderung von Anreizen. Viele der kritisierten Routinen speisen sich aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Mandat. Menschen, deren Existenz nicht am Wohlwollen der nächsten Aufstellungsversammlung hängt, können sich abweichendes Verhalten leisten. Die Politikzeit verändert also genau die Variable, die die Routinen antreibt.

Zugeständnis: Einzelne ändern Systeme nicht; unterhalb einer kritischen Masse droht Anpassung. Deshalb setzt das Konzept beim kommunalen Volumen an, und deshalb ist die Politikzeit ein notwendiger Teil, nicht das Ganze.

E10

Der Anspruch läuft leer

„Betreuungskosten für Ratsmitglieder stehen seit Jahren im Gesetz und werden kaum genutzt. Warum sollte das hier anders sein?“

Weil das Konzept aus genau dieser Erfahrung gebaut ist: eine einzige Stelle statt kommunaler Satzungen, Pauschalen statt Einzelnachweisen, Ansprüche kraft Mandats statt Bedarfsprüfung, aktive Ansprache und Messung der Nutzung (Abschnitte 3 und 5).

Verbleibendes Risiko: Auch die beste Verwaltung ersetzt nicht, dass jemand fragt. Das Begleitprogramm ist kein Zusatz, sondern Bedingung.

E11

Das kann der Bund gar nicht

„Kommunalrecht ist Ländersache; ein Bundesgesetz für Gemeinderäte ist verfassungswidrig.“

Der arbeits- und sozialversicherungsrechtliche Kern, Freistellung, Rückkehr, Kündigungsschutz, Beiträge, ist Bundesrecht, wie die Freistellungspflicht für Schöffinnen und Schöffen zeigt. Beim steuerfinanzierten Politikzeitgeld für kommunale Mandate ist der Einwand ernst zu nehmen (Abschnitt 8).

Verbleibendes Risiko: Sollte die Erforderlichkeit einer Bundesregelung nicht tragen, bleiben Umlagefinanzierung oder Landesregelungen, beides mit Nachteilen, beides gangbar.

Ein Einwand fehlt?

Das Konzept ist ein Vorschlag, an dem weitergearbeitet werden soll. Die stärksten Einwände kommen erfahrungsgemäß von denen, die es nicht geschrieben haben.